Es liegt an uns - Interview mit Kathi Hoffmann

Es liegt an uns - Interview mit Kathi Hoffmann

Interview mit Katharina Hoffmann aus Berlin. Kathi ist Aktivistin, Feministin, Sportlerin, Organizerin, Macherin, uvm.  Zum Internationalen Frauentag 2024 zieht sie wieder mit Gruppe gleichgesinnter Menschen durch die Straßen Berlins, um gegen Rechts zu demonstrieren. In Laufschuhen. Dies hat Henning zum Anlass genommen, um ihr ein paar Fragen zu stellen. 

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Über drei Jahre sind vergangen seit unserem letzten Interview. Seitdem hat sich viel verändert, bei Dir, bei uns und in der Laufwelt. Beschreib doch mal in ein paar Sätzen, was Du jetzt so treibst.
 
Lieber Henning, seitdem ist tatsächlich ziemlich viel bei mir passiert, sowohl privat als auch beruflich. Damals hatten wir gerade THE GOOD RUN als ersten Onlineshop für nachhaltige Laufsachen gegründet. Leider mussten wir nach zwei erfolgreichen Jahren und einem sehr schwierigen 3. Jahr die Notbremse ziehen und den Shop aufgeben.
 
Die GmbH gibt es aber noch, und zwar als kreative Beratung an der Schnittstelle von Sport und sozialer sowie ökologischer Nachhaltigkeit. Ich hatte die Idee für den Shop damals ja nicht, weil ich eCommerce-Expertin war und ein Business aufbauen wollte, sondern aus dem dringenden Bedürfnis heraus, die Sport-, vor allem die Running-Welt, auf eine nachhaltige Art und Weise mitzugestalten.
 
Ich glaube fest daran, dass Sport ein großartiges Mittel ist, um einen positiven Wandel in Bezug auf soziale, wirtschaftliche und ökologische Themen anzustoßen.
Deshalb entwickeln wir Sportprogramme für Marken und Arbeitgeber, Firmenveranstaltungen, Aktivierungen, Nachhaltigkeits-Workshops und mehr. Ich verdiene also mit guten Projekten Geld, und es bleibt auch noch genug Zeit für (non-profit) Aktivismus.
 
Internationaler Weltfrauentag – das bedeutet ja vornehmlich, dass Parteien Rosen vor Supermärkten verschenken, Instagramkacheln von Konzernen rosa gefärbt werden oder ein Tag von (männlichen) Führungskräften die "besondere Rolle der Frau" betont wird. Nun gibt es seit einigen Jahren aber auch politische Bewegungen, die den Tag als Kampftag verstehen und stärker inhaltlich aufladen. Kannst du dafür Beispiele nennen?
 
Ich sehe das mittlerweile eher umgekehrt. Der feministische Kampftag findet ja schon seit über 100 Jahren am 8. März statt (und hatte seinen Ursprung im Wahl- und Arbeitskampf).
 
Seit einigen Jahren ist Feminismus jedoch Mainstream geworden und natürlich haben das auch die Marketingabteilungen für sich entdeckt. Die Sportindustrie ist komplett durchkommerzialisiert; da wird jeder Trend dazu verwurstet, mehr Schuhe zu verkaufen.
 
Ich weise hier gerne auf die Arbeit von „Pay Your Workers“ hin, die z.T. mit spektakulären Aktionen auf den deutlichen Widerspruch zwischen nach außen getragenen Werten und tatsächlichen Praktiken von Konzernen aufmerksam machen. Ich durfte letztes Jahr Teil der „Adidas Reality Wear“ Fashion Show sein, die das Ziel hatte zu zeigen, dass für eine Brand wie adidas echte Veränderung möglich wäre, wenn diese von ganz oben kommt.
 
Ein krasses sehr aktuelles und widersprüchliches Beispiel sind die Spenden von Nike-Gründer Phil Knight für den US-Wahlkampf der Republikanerin, Trump-Supporterin und Abtreibungsgegenerin Christine Drazan. Nike hat in den letzten Jahren starke Kampagnen mit antirassistischen und feministischen Botschaften kreiert – und wurde zeitgleich seit Jahrzehnten wegen schlechter Arbeitsbedingungen und Intransparenz ihrer Zulieferbetriebe kritisiert und kündigte Nike-Athletinnen die Verträge, wenn sie schwanger wurden. Vieles passt nicht zusammen.
 
Du machst ja bereits seit einigen Jahren immer recht aufwendige, große Läufe am Weltfrauentag, diesmal habt Ihr Euch aber breiter aufgestellt und macht auch deutlich, dass es nicht nur zwei Geschlechter gibt.

Ich glaube, du spielst darauf an, dass ich um Korrektur eures Newsletter-Textes gebeten habe. Ihr hattet ursprünglich geschrieben „Acht Frauen aus der Berliner Sportwelt haben Initiative ergriffen.“ Ich wollte aber, dass ihr den inklusiveren Begriff FLINTA* verwendet. Dabei ging es mir zuerst einmal um die korrekte Bezeichnung unseres Teams, das den Lauf gemeinsam plant. Denn wir sind Frauen und nonbinäre Menschen.
 
Generell sieht man Menschen ihr Geschlecht ja nicht an, deshalb verwenden wir immer den Begriff FLINTA* (Frauen, Lesben, intergeschlechtliche, nichtbinäre, trans und agender Personen).
 
Der diesjährige Lauf steht unter dem Motto „run against racism“. Wichtiger denn je, mit bevorstehenden Landtagswahlen, einer marodierenden AfD und steigendem Rechtsruck. Wie kam es zu dem Thema bei Euch und wie viel sind Rassismus und auch Antirassismus Teil Eures Lebens?

Seit 3 Jahren veranstalten wir in Berlin einen Protestlauf als angemeldete Demo dagegen, dass es sehr unterschiedliche Realitäten beim Laufen gibt.
 
Viele (weiße) cis-Männer wissen oft gar nicht, dass viele von uns abends nicht oder ungerne alleine laufen gehen, schon gar nicht ohne Handy, dass wir unsere Location sharen, die Kopfhörer auf einer einsamen Straße rausnehmen, usw.
 
Das betrifft aber nicht nur (weiße) cis-Frauen, sondern insbesondere queere, nichtbinäre und Transmenschen - und insbesondere dann, wenn sie nicht weiß sind.
 
Wir fordern mit unserem Protest „Reclaim The Night Runs“ Sicherheit für alle Menschen beim Laufen.
In einer Welt, die immer noch mit struktureller Diskriminierung zu kämpfen hat, ist es für mich entscheidend, dass ich mich für Feminismus einsetze, der immer auch intersektional und antirassistisch ist und die Vielfalt aller Frauen und marginalisierten Geschlechter repräsentiert.
 
Müssen wir vielleicht alle politischer sein? Die Brands, die Laufmagazine und die Instagramseiten? Ist es nicht vielleicht auch Privileg, sich wegducken zu können und zu bestimmten Themen nichts sagen zu müssen? Und siehst Du Kraft und Potential für Vernetzung?
 
Als Aktivistin bin ich fest davon überzeugt, dass wir durch eine ganzheitliche Perspektive auf soziale Themen die größten Fortschritte erzielen können.
 
Wenn es ernst gemeint wäre, könnten die großen Marken das meinetwegen auch für ihre Werbung verwenden. Es ist aber leider so, dass als ich vor 10 Jahren noch "nur" einen Fun-Run am Internationalen Frauentag gemacht habe, wir auf jeden Fall viel mehr Unterstützung von Crews, Marken usw. hatten. Sogar ein großer Marathon-Veranstalter, der uns früher sein Führungsfahrzeug zur Verfügung gestellt hat, hat jetzt abgesagt, weil sie „Als Unternehmen nicht auf politische oder gesellschaftliche Initiativen ausgerichtet sind.“
 
Dennoch erleben wir eine wachsende Welle des Widerstands gegen rechte Ideologien, die auch auf die Straßen geht.
 
Es liegt an uns Läufer*innen, eine aktive Rolle in unserer Community zu übernehmen und entschieden gegen Rassismus einzutreten. Jede*r sollte die Freiheit haben, sicher und gleichberechtigt Laufen zu gehen.
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