Limbach für Alle
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Interview mit Robert Weis, Mitbegründer des Projektes "Limbach für Alle", Soziale und politische Bildungsvereinigung Limbach-Oberfrohna e.V. und dem Kulturzentrum Doro40 in Limbach-Oberfrohna bei Chemnitz. Mit dem Sweatshirt Projekt "Running Against Racism" unterstützt die runamics Community das Projekt in Sachsen, welches der Jugend vor Ort Perspektiven außerhalb der rechten Blase aufzeigt. Robert ist mit großem Einsatz bei der Sache und gibt uns hier einen kleinen Einblick in den Maschinenraum.
Stellt vielleicht einmal kurz das Projekt Doro40 in Entstehung und Entwicklung vor.
Nachdem uns Anfang 2009 die Räumlichkeiten unseres ersten Lokals “Schwarzer Peter” aufgrund von massiven Naziübergriffen gekündigt wurden, mussten wir uns ein neues Objekt suchen. Fakt war, dass uns niemand mehr in Limbach-Oberfrohna ein Ladenlokal vermieten würde, da sicher war, dass mindestens die Schaufensterscheiben nicht lange unversehrt bleiben. Daher haben wir uns nach Immobilien zum Kaufen umgesehen und sind auf eine günstige baufällige Doppelhaushälfte gestoßen, die wir mit Hilfe zinsloser Darlehen von Unterstützer*innen dann auch kaufen konnten. Somit wurde das Projekt Doro geboren.
Die ersten Monate waren wir tagein tagaus damit beschäftigt, das Haus zu entmüllen und Strom- und Wasserleitungen zu legen. Trotz aller Arbeit hatten wir nun wieder unseren Safespace, in dem wir uns treffen konnten, Filmabende veranstalten oder einfach auch Partys feiern konnten.
Ein Jahr später kam es zum Brandanschlag, bei dem eine Gruppe von über zehn Nazis die Doro anzündete und dabei das komplette Erdgeschoss ausbrannte. Im Nachgang wurde ein Täter aus dem Umfeld der Kameradschaft Sturm 34 ermittelt, der zu 2,5 Jahren Haft verurteilt wurde. Da die Doro ein baufälliges Haus war, gab es damals nur die Hälfte der Versicherungssumme des Schadens und wir sahen uns um Monate, ja Jahre im Bau zurückgeworfen.
In den nächsten Jahren zogen sich die Renovierungsarbeiten hin und unsere Gruppenstruktur war durch vermehrten Wegzug von Vereinsmitgliedern ständigen Änderungen unterlegen. Vor zehn Jahren nahm das Projekt mit einem Schwung an jungen Vereinsmitgliedern neue Fahrt auf und die Bauarbeiten liefen wieder an. Wir hatten die Vision eines alternativen, selbstverwalteten Kulturzentrums in unserer Stadt, die wir nun endlich Wirklichkeit werden lassen wollten.
Im August 2023 konnten wir nach etlichen Baueinsätzen endlich offiziell die Pforten öffnen. Seit der Eröffnung finden in der Doro regelmäßig Konzerte, Filmabende, Vorträge, aber auch sonstige Veranstaltungen wie Flohmärkte oder Kochabende statt. Außerdem verfügt das Grundstück über einen großen Garten, der in der warmen Jahreszeit als Treffpunkt genutzt wird und zum gemeinsamen Gärtnern einlädt.
Neben Schule, Ausbildung oder Studium entstand hier ein Ort für alle, die ihre eigenen Ideen und Veranstaltungen in Limbach-Oberfrohna verwirklichen wollen und die sich klar für eine offene Gesellschaft einsetzen. Wir freuen uns unendlich, dass ihr uns dabei unterstützt und die Doro weiterhin ein wichtiger Ort für alternative Kultur in Sachsen bestehen bleibt.
Unvorstellbar für uns, aber leider für Euch 2010 Realität geworden: Ein Brandanschlag auf das eigene Haus. Wie kann man da den Kopf oben behalten, sich nicht einschüchtern lassen?
Zweifelsohne war der Brandanschlag eine Zäsur in unserer Vereinsgeschichte. Am Tag nach dem Brand sahen wir uns im Tageslicht noch einmal die Schäden an. Das komplette Erdgeschoss inkl. Einrichtung war ausgebrannt. Auch die Böden der ersten Etage mussten ersetzt werden und durch das Löschwasser waren alle Wände feucht und der Keller stand unter Wasser. Dazu kam noch der Gestank vom Brand und wenn man länger als zehn Minuten im Haus war, roch man selbst wie geräuchert.
Wo fängt man da an? Heute kann man sich gar nicht mehr vorstellen mit welcher Selbstverständlichkeit wir einfach weitermachten. Nicht nur, was den immensen Schaden betrifft. Der Brandanschlag stellte eine neue Stufe der Gewalt dar. Es war zu diesem Zeitpunkt vollkommen offen, was noch kommen würde.
Bei den Nazis waren nun alle Hemmungen gefallen und es war davon auszugehen, dass die Nazigewalt kein schnelles Ende finden wird. Auch die nächsten Jahre blieben keine friedlichen, so gab es regelmäßig Angriffe auf unsere Vereinsdomizile und Überfälle auf unser Wohnhaus. Schlussendlich dachten wir, dass man gerade jetzt nicht aufgeben darf.
Zudem haben wir in dieser Zeit viel Zuspruch von anderen Gruppen und Einzelpersonen bekommen, was uns immer wieder motiviert hat, den Kampf weiterzuführen und nicht Klein beizugeben. Als wir in Limbach in der Kommunikation mit der Stadtverwaltung auf taube Ohren stießen, bekamen wir von außerhalb immer positives Feedback zu unserem Engagement.

Was war über die Jahre die größte Herausforderung Eures Projektes?
Es liegt natürlich auf der Hand, dass uns durch ständige Nazigewalt vieles erschwert wurde, aber am schwersten hat es uns immer getroffen, wenn Menschen aus unserer Gruppe weggezogen sind. Und das kann man ihnen auch nicht verübeln. Limbach-Oberfrohna ist nun mal nicht die Stadt, in der man sein Leben lang wohnen bleiben möchte. Gerade jungen Personen bietet die Stadt nicht allzu viel. Spätestens fürs Studium ziehen junge Leute weg. Das war für uns immer hart, wenn unsere Freundinnen wegzogen, die sich ambitioniert im Verein engagiert hatten, aber nach Schule oder Ausbildung ihre Erfahrungen in größeren Städten machen wollten.
Zudem wirkte sich der Nazistress auch auf unsere Gruppe aus. Rückblickend war dies sicherlich ebenfalls ein Grund, weswegen sich Freundinnen und Sympathisant*innen zurückgezogen haben. In den ersten zehn Jahren unserer Arbeit war klar, dass du Stress mit Faschos kriegst, wenn du zu uns gehörst. Einmal mit “Zecke” gebrandmarkt, wird der Heimweg, der Einkauf im Supermarkt oder der Besuch auf dem Dorffest zum Spießrutenlauf und du musst damit rechnen, dass du angegriffen wirst.
Weiter geht es dann damit, dass die Faschos dein Auto demolieren, dir die Fensterscheiben deiner Wohnung einwerfen oder dich zu Hause abfangen. All das ist so schon vorgekommen und lässt dich überlegen, ob es das am Ende wert ist. Einige von uns sind trotzdem hier geblieben, aber der Großteil unserer Anfangsgruppe ist nach und nach aus Limbach-Oberfrohna weggezogen.
Nehmt Ihr die gesellschaftlichen Veränderungen der letzten zwei, drei Jahre auch persönlich in Eurer direkten, ländlichen Umgebung wahr?
Ganz klar sieht man hier wieder einen krassen Nazitrend bei Jugendlichen. Scheitelfrisuren, North Face Jacken und Landser Shirts dominieren das Erscheinungsbild der aktuellen Heranwachsenden in der Stadt. Auffallend ist dabei, dass rechte Jugendliche sich schon in sehr jungen Jahren radikalisieren, was sich unter anderem am jungen Publikum vergangener AfD-Wahlkampfveranstaltungen in der Stadt zeigte, als dort bereits 12-jährige Landser und Thor Steinar Shirts trugen.
Auch in den Schulen gibt es massive Probleme mit Rechtsradikalismus. So gibt es ganze Klassenverbände, in denen eine rechte Hegemonie vorherrscht und sich nicht-rechte Jugendliche bedeckt halten, um nicht ins Visier zu geraten. In einem anderen Fall waren bei einem Angriff auf unseren Infoladen vor zwei Jahren die Täter vier Schüler*innen gewesen, was zeigt, dass sich rechte Ideologien früher oder später immer in Gewalttaten umsetzen.
In Bezug auf rechte Mobilisierungen bleibt das Potenzial in unserer Region hoch. Rechte konnten sich in den letzten Jahren thematisch über rassistische Proteste gegen Geflüchtetenunterkünfte, Coronabestimmungen, Bauernproteste oder dem Russich-ukrainischen Krieg breit aufstellen und Unsicherheiten, aber auch ideologische Anknüpfungspunkte in der Bevölkerung aufgreifen und durch ihre Mobilisierungen kanalisieren.
Mit jedem Protest wurden Berührungsängste mit Nazis und AfD-Funktionären, die in den meisten Fällen Proteste organisierten, abgebaut. Organisiert in Telegramgruppen, sind sie in der Lage spontan Menschen auf die Straße zu bringen, wenn sie es für angebracht halten und der Zeitpunkt es ihrer Meinung nach verlangt.
In strukturschwachen Regionen wie der unseren gibt es kaum Angebote für junge Menschen und gleichzeitig werden finanzielle Mittel für Jugendarbeit und Integrationsprojekte massiv gekürzt. Die zunehmenden Kürzungen von Beratungsangeboten führen dazu, dass bewährte Strukturen reduziert oder teilweise ganz gestrichen werden und alternative Anlaufstellen oft fehlen. Der Wegfall solcher Angebote hat unmittelbare negative Auswirkungen auf junge Menschen, Familien und sozial benachteiligte Gruppen.
Lichtblicke gibt es allerdings auch: Demgegenüber beziehen Jugendliche und junge Erwachsene zunehmend öffentlich Stellung und vertreten aktiv ihre Interessen. Im Rahmen von Schulstreiks gehen sie auf die Straße, um z.B. gegen die Wiedereinführung der Wehrpflicht zu protestieren. Ähnlich wie bei der Klimaprotestbewegung nutzen sie Demonstrationen als Mittel der Meinungsäußerung, beteiligen sich an gesellschaftlichen Debatten und fordern Mitsprache bei Entscheidungen, die ihre Zukunft betreffen.
Es ist also noch lange nicht alles verloren.
Aus dem trockenen Szenekiez einer Großstadt: Wie können wir Euch weiter unterstützen? Was hilft euch?
Wir finden es immer schön, wenn neue Leute zu unseren Veranstaltungen kommen. Schaut, was bei uns los ist und besucht uns, wenn ihr in der Gegend seid und quatscht uns an. Der direkte Kontakt ist oftmals der, der sich am nachhaltigsten erweist. Des Weiteren freuen wir uns jedes Mal, wenn uns Menschen schreiben, die unsere Arbeit wichtig finden und unsere Perspektiven hören wollen. Es gibt uns ein gutes Gefühl, nicht vergessen zu werden und auch von weiter weg Aufmerksamkeit zu bekommen.
Die Zustände, die es hier in Limbach-Oberfrohna gibt, sind keineswegs regional begrenzt. Zu guter Letzt sind Spenden für uns überlebenswichtig und machen uns viele Dinge leichter. Im vergangenen Jahr mussten wir beispielsweise das komplette Dach der Doro erneuern und standen vor angesetzten 35.000 € Kosten. Mithilfe unseres Netzwerkes aus Freund*innen und der Spendenbereitschaft unterschiedlicher Gruppen, Stiftungen und Privatpersonen konnten wir die benötigte Summe aufbringen und somit gemeinsam die Zukunft der Doro sichern.

Bilderquellen: Süddeutsche Zeitung, Freie Presse, Krautreporter