Natürlich Laufen (Natural Running)

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Natürlich Laufen (Natural Running)

Geschrieben von Leif Call.

„Lauf Forrest, lauf.“

Ein Satz, den wohl jeder kennt und der eben jenen Forrest nicht nur aus seinen Beinschienen befreit, sondern ihn auch zum Star des College Football-Teams, zum Kriegshelden und schließlich zur Lauf-Ikone macht.

Was für eine Geschichte. Und Menschen lieben Geschichten.

Doch warum lieben wir genau diese Geschichte von einem „Helden“, der so wenig Heldenhaftes an sich hat? 

Genau deshalb. Forrest Gump rettet die Welt nicht vor Superschurken, hat keinen marvelesquen gestählten Körper und noch nicht mal einen besonders scharfen Verstand. Doch genau das macht ihn so sympathisch, so liebenswert – seine Einfachheit

Und dann wäre da noch seine „Superkraft“, die für jeden von uns so greifbar ist. Forrest Gump läuft und läuft und läuft. Über Stil und Technik lässt sich gewiss lange diskutieren und da wird er den einen oder anderen Abzug in der B-Note in Kauf nehmen müssen.

Aber was Forrest Gump vielen von uns voraushat: er läuft nicht irgendwelchen Zeitzielen hinterher, ihm sind auch seine Wochen-Kilometer vollkommen egal und er sucht nicht nach Anerkennung durch irgendwelche Strava- oder Runtastic-Postings. Er läuft, um des Laufens Willen.

Laufen gegen den Stillstand

Doch was hat das Ganze jetzt mit uns zu tun? In den letzten 2 Monaten, bedingt durch die Corona-Situation, erlebt das Laufen wieder mal einen Boom. Ganz einfach, weil es eine der wenigen erlaubten Möglichkeiten ist, dem gefühlten Stillstand zu entkommen.

Stillstand. Da sind wir wahrlich nicht für gemacht. Das geht uns gegen den Strich. Stillstand liegt nicht in der Natur des Menschen. Im Gegenteil – wir müssen uns bewegen. Schon immer. In Urzeiten, um zu überleben. Heute, um zu leben.

Und gerade jetzt, lohnt sich tatsächlich eine Rückbesinnung auf die erste Kunst des Menschen. Denn noch lange bevor die ersten Höhlenmalereien entstanden oder die ersten Rhythmen auf Holz getrommelt wurden, hat der Mensch die Kunst, den Atem, den Geist und die Muskeln zu einer extrem ökonomischen Fortbewegung über jegliches Terrain zu kombinieren, perfektioniert (so ähnlich steht‘s im sehr empfehlenswerten Buch Born to Run von Christopher McDougall)

Die Kunst zu Laufen steckt in jedem von uns. Sie ist so tief verankert, dass Stillstand uns physisch und psychisch ruhelos werden lässt. Die Gedanken kreisen wild umher, wir spielen die unterschiedlichsten Was-wäre-wenn-Szenarien durch, können nicht mehr ruhig sitzen. Unsere natürliche Reaktion auf den Stillstand ist die Halbachtstellung. Adieu geliebte Entspannung, es lebe die Rastlosigkeit.

Natürlich Laufen

Das beste Mittel gegen diese Rastlosigkeit ist natürlich Laufen.

Und dabei meint natürlich selbstverständlich und selbstverständlich natürlich.

Verabschiedet euch ruhig mal von allen Zeitzielen und Paces, die euch im Kopf rumschwirren. Lasst die Kilos, die ihr durchs Laufen verlieren wollt, einfach Kilos sein. Vergesst für einen Moment eure Statistiken bei Adidas Running, Strava und Co.

Nutzt die Gelegenheit, um aufzuhören mit dem Kopf zu laufen.

Befreit euch aus eurem Gedankenkarussell und lauft einfach so, wie es die Evolution gedacht hat – mit den Sinnen und ohne Verstand.

Die Rückkehr zum natürlichen Laufen ist ein behutsamer und entschleunigender Prozess an dessen Ende ein ganz neues Körpergefühl steht. Weil wir das, was wir durch jahrelanges Sitzen und Zu-enge-Schuhe-tragen verlernt haben, erst ganz langsam wieder lernen müssen.

Denn Natural Running ist viel mehr als die Laufschuhe auszuziehen und barfuß (oder in Barfußschuhen) loszulaufen. Natural Running ist Laufen mit (gutem) Gefühl.

Und wenn man sich einmal darauf einlässt, dass es eben nicht immer sofort höher, schneller, weiter sein muss – wenn man sich stattdessen auf seine von der Natur vorgesehenen Fähigkeiten einlässt, dann lernt man nicht nur plötzlich völlig in Vergessenheit geratene Muskelgruppen und Bewegungsmuster kennen, sondern kommt mit der Zeit auch in den Genuss vieler Vorteile des natürlichen Laufens.

Vorteile des natürlichen Laufens

Minimierung des Verletzungsrisikos mit Natural Running

Beim Natural Running lassen wir unseren Körper laufen. Und wenn unser Kopf genau das zulässt, werden unsere Bewegungsabläufe immer sauberer und runder. Denn der Körper macht nichts, was ihm schadet oder was er nicht kann. Es ist der Verstand oder unser Anspruch, die Leistungsgrenzen ignorieren und so Schmerzen und Verletzungen herbeiführen.

Natürliches Laufen lindert bestehende Beschwerden

Durch die natürlichen Bewegungsabläufe werden zahlreiche Muskelgruppen trainiert, die durch das Tragen konventioneller Schuhe vernachlässigt oder sogar verkümmert sind. Insbesondere die Fuß- und Beinmuskulatur profitieren von einer gesunden Lauftechnik. Zahlreichen typischen Beschwerden wie bspw. Hallux Valgus, Läuferknie und Rücken- sowie Nackenschmerzen kann mit dem natürlichen Laufen entgegengewirkt werden.

Verbesserung der Laufökonomie

Auch wenn beim Natural Running Bestzeiten, Top-Speed und Rekorddistanzen keine Rolle spielen, können ambitionierte Läufer mit einer Umstellung ihrer Lauftechnik ihre Laufökonomie verbessern. Denn genauso wie der Körper beim Natural Running nichts tut, was ihm schadet, tut er beim natürlichen Laufen auch nichts, was unnötig Energie verschwendet (wie zum Beispiel reiner Vorfuß-Lauf, zu aktive Armarbeit oder eine zu hohe Spannung im Oberkörper).

Reduktion des Schuhverbrauchs/-bedarfs dank Natural Running

Mit einer natürlichen Lauftechnik braucht der Fuß keine zusätzliche Dämpfung und die Muskulatur wird mit jedem Schritt trainiert. Das wirkt sich natürlich auch auf die Wahl der Laufschuhe aus – wer nicht komplett barfuß laufen will, legt sich Laufsandalen oder Barfußschuhe (ohne Sprengung und ohne Dämpfung) zu und nutzt diese bis die Sohle durchgelaufen ist. So kann der Bedarf an Schuhen extrem reduziert werden, das Portemonnaie wird geschont und die Umwelt wird‘s euch danken.

Ihr merkt, ich gerate ins Schwärmen darüber, dass die Evolution uns zu Läufern gemacht hat und dass wir von Natur aus mit einer guten Basis für ein fittes und gesundes Leben ausgestattet sind.

Aber noch viel überzeugender als diese ganzen Argumente zu lesen ist, es selbst zu erleben.

Also macht es wie Forrest Gump:
Lauft Leute, lauft.


Leif Call, Natural Running Coach aus München

Leif Call ist Natural Running Coach, lebt in München und läuft und läuft und läuft.

http://leifcall.de/  

 

 

+++ English Version +++

 

RUNNING. WITH SENSE(S) BUT WITHOUT THE MIND

 

„Run Forrest, run.“ 

A well-known phrase, whose implication not only frees Forrest from his leg splints, but also guides him into being the star of the college football team, a war hero and finally a running icon.

What a story. And people love stories.

But why do we love this very story of a “hero” who shows so little actual heroism?

That's exactly why. Forrest Gump doesn't save the world from villains, he doesn't have a marvelous super-toned body and he doesn't even have a particularly sharp mind. But that‘s exactly what makes him so likeable, so endearing - his simplicity.

And then there is his “super power”, which is so tangible for each and every one of us. Forrest Gump runs and runs and runs. His style and technique could certainly be discussed in depth and he would probably have to accept one or two deductions in the B-grade.

But what sets Forrest Gump apart from most of us is this: he doesn't run to meet a time goal, he doesn't care about his weekly kilometers, and he doesn't seek approval through any Strava or Runtastic posts. He runs, for the sake of running.

Running against standstill

So what does his story have to do with us normal human beings? Over the last 2 months, due to the corona situation, running has experienced a new boom. Simply because it was one of the few permitted ways to escape the perceived standstill.

Standstill. We are really not made for that. It goes against the grain. Standstill is not in human nature. On the contrary - we have to move. Always. In ancient times, to survive. Today, to live.

And especially right now, a return to the first art of man is really worthwhile. Long before the first cave paintings were made or the first rhythms were drummed on wood, man perfected the art of combining breath, mind and muscles into this extremely economical form of movement across any terrain (that's how Christopher McDougall phrases it, at least, in his highly recommended book Born to Run).

The art of running is in every one of us. It is so deeply engrained in our fabric that standing still makes us physically and psychologically restless. Thoughts are running wild, we are playing through a ton of what-if scenarios, we can no longer sit still. Our natural reaction to the standstill is to be careful. Farewell beloved relaxation, long live restlessness.

Natural Running

The best remedy against this restlessness is naturally running.

And “naturally” here does not mean “of course”, but literally “naturally”.

Say goodbye to all the time goals and paces that buzz around in your head. Let the kilos you want to lose from running just be kilos. For a moment, forget your stats on Adidas Running, Strava and all the other tracking apps.

Take the opportunity to stop running with your head.

Get out of your thought carousel and just run the way evolution intended - with your senses and without the mind.

The return to natural running is a gentle and decelerating process, which results in a completely new body feeling. Because we have to slowly learn what we have unlearned through years of sitting at desks and wearing too tight shoes.

Natural running is much more than just taking off your running shoes and running barefoot (or in barefoot shoes). Natural running is running with (good) feelings.

And if you can surrender your beliefs that it always has to be higher, faster, further - and if you engage in your natural abilities instead, you will not only discover long-forgotten muscle groups and movement patterns, but you will, over time, also benefit from many other advantages of natural running.

Benefits of Natural Running

Minimize the risk of injury with Natural Running

In natural running, we let our bodies run. And if our head allows exactly that, our movements will become neater and rounder. Because the body does nothing which is harmful to itself or which exceeds its abilities. It is the mind or our demands that ignore performance limits and cause pain and injury. 

Natural Running relieves existing medical conditions

The natural movement sequences in natural running train numerous muscle groups that are neglected or even atrophied by wearing conventional shoes on a daily basis. Particularly the foot and leg muscles benefit from a healthy running technique. Numerous typical complaints such as hallux valgus, running knees and back and neck pain can be counteracted with natural running. 

Improved running economy

Even if minimum times, top speed and record distances don't play a role in natural running, ambitious runners can improve their running economy by changing their running technique. Just as the body does nothing harmful to itself in natural running, it does not waste energy unnecessarily (such as pure forefoot running, overly active arm work or excessive tension in the upper body).

Reduction of shoe consumption thanks to natural running

With a natural running technique, the foot does not need additional cushioning and the muscles are trained with every step. Of course, this also affects the choice of running shoes - if you do not want to run completely barefoot, you can buy running sandals or barefoot shoes (without heel-to-toe drop and without cushioning) and use them until the sole is worn off. Like that, the need for shoes is reduced tremendously, you save money and the environment will thank you as well.

You will have noticed by now how convinced I am of the fact that evolution has created us as runners and that we are naturally equipped with a good basis for a fit and healthy life.

But even more convincing than reading all these arguments is to experience it yourself.

So do it like Forrest Gump:

Run people, run.