Running Heals #1 - Mehr als nur Laufen

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Die Realität

Der Laufsport wird uns immer nur als ein strahlendes, gut gelauntes, durchtrainiertes Etwas verkauft. Wir Läufer*innen können dabei unsere Fähigkeiten zu jeder Zeit perfekt ausschöpfen und genießen dabei jeden Moment.

Gelackte Hochglanzfotos mit lachenden, schönen und makellosen Menschen in aufgeräumten, architektonischen Locations und tiefstehender Sonne - auch wir von runamics können uns dieser Welt nicht verschließen. Positivere Bilder klicken sich besser, werden mehr "geliked", funktionieren als Anzeigen besser oder auf Magazintiteln.

Und lasst uns nicht lange um den heißen Brei herumreden: Laufen ist für viele eine der schönste Beschäftigungen der Welt. Aber Laufen ist auch etwas anderes, nämlich wahnsinniger Frust, zurückgeworfen werden von Verletzungen, zu hoch gesteckte Ziele, schlechtes Wetter, Formtiefs und wahrscheinlich auch mal alle sieben Todsünden abwechselnd (wer kennt alle 7? :-)).

Und dann kann Laufen noch etwas. Nämlich alles reparieren. Und dem wollen wir uns in den kommenden Wochen mit einigen Beiträgen und auch einem neuen Produkt widmen

Laufen gegen Depressionen

Wahrscheinlich hat es jede*r von uns schon unzählige Male erlebt: Man hat einen gebrauchten Tag, Frust bei der Arbeit und im Privaten, alles wächst einem über den Kopf und für Sport ist natürlich keine Zeit.

Und dann klappt es doch mit einem kurzen Lauf zwischendurch. Mit jedem Schritt, mit jedem Intervall, mit jedem Kilometer und jeder Meile wird der Stress weggepustet. Egal, ob das der Tag für persönliche Rekorde wird oder der Lauf eher keine Hände hoch bei Strava regnen lässt - gelohnt hat es sich meistens besonders für den Kopf.

Und diese gefühlte Wahrheit ist weniger subjektiv als wir denken:

Auch wenn klassische Therapien und Gespräche mit Fachleuten nicht ersetzbar sind, so wird Sport, Bewegung, frische Luft und somit eben Laufsport oftmals als Teil der Heilung gesehen.

In Deutschland leiden rund 5 Millionen Menschen an einer Depression. Bereits vor der Corona Pandemie waren Therapieplätze Mangelware und das Warten auf einen passenden Platz kostet oftmals nervenaufreibende Kraft und Zeit.

Die positive Wirkung des Laufens ist wissenschaftlich nachgewiesen: Als Ausdauersportart wirkt es stimmungsaufhellend, da die Menge des Glückshormons Serotonin im Blut erhöht wird. Gleichzeitig fördert es Ausdauer und Beweglichkeit, Koordination, Konzentration und Körperwahrnehmung. Laufen kann außerdem von Belastungen ablenken und helfen, Ärger und Aggressionen abzubauen. Es verbessert das Körperempfinden, steigert das Selbstwertgefühl, verhilft zu Erfolgserlebnissen und zur psychischen Stabilisierung. Bei leichter Depression sind die Effekte sogar ähnlich groß wie bei einer Psychotherapie oder der Behandlung mit Medikamenten.

Laufen als Therapie

Ich bin dem Laufen so dankbar wie wenigen anderen Dingen auf der Welt. In der Kombination mit Musik auf dem Kopfhörer hat es das Laufen geschafft, mich durch schwere Momente zu tragen, mir die besten Ideen bei völligen Blockaden zu bringen, mir Entscheidungen abgenommen mit denen ich vor dem Lauf gehadert habe.

Laufen kann wie ein Anker sein, der in unruhigen Gewässern dafür sorgt, dass wenigstens eine positive Komponenten zwischen all dem Zerstörerischen und Toxischen um einen herum bestehen bleibt.

Wie viele Laufbiographien starten mit der Suche nach einer Alternative zu Drogen und Alkohol, schlechter Ernährung und wenig Schlaf? Und wie viele dieser Menschen schmeißen manchmal ihre von Regen und Schweiß durchtrieften Klamotten vor die Dusche und danken dem Laufsport?

Dabei birgt das Ganze ja ein gewisses Potential für kritische Nachfragen. Nicht umsonst spricht man davon, dass wir "vor unseren Problemen davonlaufen“. Genau das werden sehr aktive Läufer*innen oftmals hören, die bevor sie das Laufen entdeckten mit Süchten zu kämpfen hatten. „Aha, das hat sich bei Dir ja verlagert, ganz ohne Sucht geht es wohl nicht“.

Und auch wenn sich das Intervalltraining auf der vereisten Laufbahn im strömenden Regen bei vier Grad anfühlt wie ein Crystal Meth High (angenommen, ich weiß es nicht), so ist es doch deutlich gesünder.

Laufen ist eine Sportart, in der insbesondere zu Beginn große Steigerungsschritte möglich sind. Somit erleben Menschen auf einmal viele persönlichen Erfolge, die vielleicht in den Wochen und Monaten zuvor nur Niederlagen einstecken mussten, selten stolz auf sich sein konnten oder selten gut mit ihrem Körper umgegangen sind.

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Während es bei vielen Gyms, Sportclubs, Crossfit Boxen und Kletterhallen noch Hemmungen gibt (man möge ungern der langsamste, schlechteste oder dickste sein), fällt das beim Laufen nahezu weg. Abgelegene Feldwege und unkonventionelle Uhrzeiten machen es auch für diejenigen einfacher, die sich sonst eher scheuen sich aktiv zu zeigen. Das Selbstbewusstsein wird gestärkt.

Dafür und für so viele weitere Dinge müssen wir dem Laufen immer dankbar sein.

Thank you running 

Wir geben es zu - alles nicht einfach gerade. Der eine Krieg löst den anderen ab, unser Planet steht vor dem ökologischen Kollaps und die Schere zwischen Arm und Reich wird immer größer.

Gegen all diese Entwicklungen protestieren wir, im privaten und auch als kleine Firma, die es sich auf die Fahne geschrieben hat, alles ganz anders zu machen als in diesem wahnsinnigen Turbokapitalismus mit seiner Super Fast Fashion Show.

Vor allem wollen wir niemals die Hände in den Schoß legen oder die Flinte ins Korn werfen. DNF is not an option! (Did Not Finish)

Aber good vibes only? Smile when you run? Nein danke, alles schnell verworfen. Genau diese Art von Instagram-kompatibler, toxischer Positivität hat uns Manches von all dem nämlich auch eingebrockt.

Niemand von Euch muss immer gut drauf sein, muss dauerhaft grinsen, keine Schwäche zeigen und sich ständig weiterentwickeln.

Und deshalb ist Running Heals eine Ode an das Laufen, dem einfachsten und doch komplexesten Sport, der Wissenschaft für sich und dem Retter von gefallenen Engeln und verlorenen Seelen.

Thank you running for healing us!

 

WICHTIG: Wir wollen hier nicht vermitteln, dass Du psychische Probleme einfach "wegläufst". Wenn Du unter Depressionen oder anderen psychischen Problemen leidest, suche bitte in jedem Fall professionellen Support auf.

7 Kommentare

  • Was soll ich sagen Henning, du und Micha wart diejenigen, die mich vor über 8 Jahren zu Laufsport gebracht habt. Seitdem holt mich das laufen immer wieder aus kleineren Tiefs, ich bin dadurch menschlich gereift und habe meinen Weg gefunden. Dafür bin ich euch immer dankbar!

    Flow
  • LIeber Henning, vielen Dank für deinen Blog hier, was mit bzw. durch Laufen möglich ist. Welche Dinge im Leben damit überwunden werden können. Ich selbst mag das Laufen sehr gerne. Noch nie einen Marathon aber eingie Halbmarathons hier in Berlin. Seit über 30 Jahren laufe ich nun und ich kann sagen, dass es schön ist, ein schönes Gefühl hinterher, egal wie lang die Strecke war. Aber ich möchte gerne hier anmerken, dass mir das Laufen nicht geholfen hat, als ich mich in einer tiefen Phase befand, Depressionen und noch einiges mehr. Einfach nur ausgelaugt, einfach nur fertig, fertig mit all den täglichen Anforderungen u. a. auch die eigenen Anforderungen Sport zu betreiben. Denn es wurde mir von allen Seiten, von allen Plakaten, Hinweise durch Krankenkassen auf öffentlichen Werbeflächen u.v.m. immer wieder über Jahre, Jahrzehnten zugerufen, dass ich am besten immer wieder Sport betreibe, damit ich fit bleibe, leistungsfähig, Ausdauer entwickle nicht nur für den Sport sondern das Sport auch dabei helfen würde, im alltäglichen Leben, sprich Familie, Kind, den Arbeitgeber…. alle zusammen eben mit meiner Ausdauer, Leistungsfähigkeit zu überzeugen, dass ich also fit bin für das Leben, fit im Leben. Alles war schön, alles hat am Laufen Spaß gemacht bis eben dann einfach die Luft raus war durch all den genannten Anforderungen, denen ich mich nicht einfach mal so entziehen konnte, Anforderungen, die von außen an mich herangetragen wurden. Es ist immer einfacher gedacht, einfacher geschrieben von den gleichen Ratgebern für Gesundheit, dass Mensch dann noch Achtsamkeit walten lassen sollte. Also zum einen Sport, gute Ernährung, fit und leistungsfähig, egal in welchen Bereichen und dann schreiben die gleichen Ratgeber, dass ich dann noch auf meine Achtsamkeit achten sollte, mich einfach auch einmal zurückziehen sollte. Punkt ist, ich konnte ab einen Moment nicht mehr meine Laufschuhe anziehen. Ich habe sie gesehen, ich wollte laufen gehen, aber ich konnte nicht. Es war nur noch eine Qual, der Gedanke daran laufen gehen zu wollen. Warum? Warum soll ich laufen gehen? Warum? Wofür? So habe ich eine ganze Zeit lang gedacht. Selbst als mir wohlwollende Dinge vorgeschlagen wurde, das Laufen helfen kann, unterstützen kann mich besser zu fühlen gerade bei psyschischen Dingen, da konnte ich nur denken und antworten, dass dies für mich nicht in Frage kommt. Ich habe in der Zeit, wo es mir nicht besonders gut ging das Spazierengehen entdeckt. Durch den Wald, durch stille, ruhige Gegenden einfach nur zu spazieren gehen, Gedanken laufen lassen, keinen Druck verspüren mir oder wem auch immer beweisen zu müssen, zu sollen, dass ich einen guten Schnitt beim Laufen habe. Und Depressionen kommen, bleiben, werden schwächer, seltener aber sie werden nie verschwinden. Sie sind da, werden mal lauter und mal leiser aber es ist keine Krankheit, die mal eben durch Medikamente z. B. kuriert werden kann. Ich laufe wieder, keinen Halbmarathon mehr, nur kleine Strecken und habe für mich entdeckt, dass ich laufen möchte, weil es mir wirklich Spaß macht, egal ob 5 km oder mehr aber es muß mir Spaß machen. Selbst das Laufen wird teilweise so gehyppt, dass es schon schwer sein kann, sich dem zu entziehen. Vielen Dank für deine Zeilen, vielen Dank für den Blog. Ich persönlich wollte nur den Aspekt reinbringen, dass ich persönlich denke, dass Laufen nicht immer ein Heilmittel bei psyschischen Einschränkungen sein muß. Menschen, denen Laufen hilft, bei Depressionen, das finde ich sehr schön, wenn ich dies höre. Ich selbst aber mußte mich eine ganze Zeit davon fern halten, vom Laufen, um überhaupt wieder Gefallen daran zu finden. LG Sabine

    Sabine
  • Laufen ist ein Wundermittel. Nach dem 1. Marathon wusste ich…alles ist möglich…Never, never give up!

    Janna
  • Danke für diesen wertvollen Beitrag! Habe mich und meine Erfahrungen der letzten 1,5 Jahre wiedergefunden…

    Ulrich
  • Toller Beitrag. Genauso ist es!

    Wiebke

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